Karl Schneider

1892 - 1945

 

Karl Rudolf Schneider wird als Sohn eines Tischlers in Mainz geboren, wo er nach Besuch der Oberrealschule und einer Lehre bei dem Architekten Secker ein Architekturstudium an der Kunstgewerbeschule aufnimmt. Durch den Beruf des Vaters und die Mainzer Lehrzeit handwerklich vorgeprägt, setzt Schneider seine Ausbildung zum Architekten abseits akademischer Hochschulen als Mitarbeiter im renommierten Dresdner Büro Lossow & Kühne fort. Ein Jahr darauf wechselt er in das Berliner Büro von Walter Gropius und Adolf Meyer, wo er an der Planung der Fagus-Fabrik in Alfeld und der Werkbundhalle in Köln, zwei epochalen Frühwerken der Moderne, beteiligt ist und dort von den Bauten des amerikanischen Architekten Frank Lloyd Wright geprägt wird. Den Aufbruch zu einer neuen Architektur erlebt Schneider ebenso bei Peter Behrens, wo er seit 1915 tätig ist, hautnah mit. Als Pionier einer Eisenbahn-Betriebskompagnie wird er 1916 zum Militärdienst im Ersten Weltkrieg eingezogen und gerät im letzten Kriegsjahr in rumänische Kriegsgefangenschaft. Nach der Entlassung 1919 findet er zunächst Arbeit bei dem Berliner Architekten Heinrich Straumer, bevor er ein Jahr darauf als Mitarbeiter von Fritz Höger nach Hamburg geht.

 

Bereits kurz nach Kriegsende ist Höger mit der Planung mehrerer Verwaltungsgebäude wie dem berühmten Chile-Haus wieder ein gut beschäftigter Architekt, in dessen Büro Schneider als Entwerfer tätig ist und eigenständig Wettbewerbe bearbeitet. Zusammen mit Karl Witte und Jakob Detlef Peters verläßt Schneider 1921 Fritz Höger und gründet ein zunächst gemeinsam geführtes Architekturbüro. Mit Aufträgen für Ladenumbauten und dem Bau einer mit Karl Witte ausgeführten Arbeitersiedlung der Lederwerke Wiemann gelingt Schneider der Schritt in die Selbstständigkeit. Über sein Engagement in Hamburger Künstlerkreisen lernt er Ite Michaelsen kennen, die ihn mit dem Bau eines Landhauses an der Elbe beauftragt. Die Villa Michaelsen vereint mit ihrer aufgelösten, raumgreifenden Grundrißdisposition und der kubistischen Gestaltung Elemente einer neuen Architektur, die sich in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg allmählich auszuprägen beginnt. Mit der Villa Michaelsen schafft Schneider einen Pionierbau moderner Architektur in Deutschland, in dem sich Einflüsse der Prairiehäuser Frank Lloyd Wrights bereits mit neuen, rationalistischen Formidealen verbinden.

 

Durch die Villa Michaelsen etabliert sich Karl Schneider im Hamburger Raum als führender Architekt des sich entwickelnden Neuen Bauens. Der endgültige Durchbruch gelingt ihm 1926 mit dem 1. Preis im Wettbewerb für die Jarrestadt, in der er den zentralen Wohnblock ausführt. Ab Mitte der zwanziger Jahre wird neben zahlreichen Einfamilienhäusern daher der Geschoßwohnungsbau zum wichtigsten Aufgabengebiet für Schneiders Büro. Besonders instensiv beschäftigt er sich dabei mit Fragen des Kleinwohnungsbaus, für den er innovative Konzepte von der funktionalen Wohnungseinrichtung bis zu modernen städtebaulichen Strukturen entwickelt. So gründet er 1928 gemeinsam mit Paul Frank, Bensel & Kamps und Block & Hochfeld die Wohnungsbaugesellschaft "Rationell", um zwei Forschungssiedlungen zur Erprobung neuer Baukonzepte zu realisieren. Während sich die Wohnungsbauten mit Backsteinfassaden trotz ihrer expliziten Modernität in das städtebauliche Konzept von Fritz Schumacher einfügen, wird die positiv-negative Ecke zu einem charakteristischen Merkmal seiner Architektur. Vom Fensterdetail bis zur städtebaulichen Großform eingesetzt, erzielt er damit neuartige, dynamische Raumformen, geprägt von der Idee des fließenden Raums.

 

Auf dem Höhepunkt seiner Reputation als Architekt wird Karl Schneider 1930 als Leiter der Architekturklasse an die Hamburger Landeskunstschule berufen. Dort beginnt er eine systematische, am Bauhaus orientierte Lehre aufzubauen, die durch zeitgemäße Entwurfsaufgaben und handwerkliche Praxis Distanz zu der überkommenen akademischen Architekturlehre wahrt. In den frühen dreißiger Jahren bricht durch die Weltwirtschaftskrise Schneiders Auftragslage ein, dazu wird er aufgrund seiner exponierten Stellung in der Hamburger Architekturlandschaft zunehmend für Bauschäden und die von ihm vertretene architektonische Richtung attackiert. Schon vor der nationalsozialistischen Machtergreifung ist Karl Schneider von diesen gesellschaftlichen Veränderungen betroffen und kann nur noch wenige Bauten ausführen, die mit einer gemäßigten äußeren Form auf diese Entwicklungen reagieren. Von den neuen nationalsozialistischen Machthabern aus dem Lehramt an der Landeskunstschule entfernt, werden auch Schneiders Bemühung um die Etablierung einer reformierten Architekturlehre abgebrochen. Trotz Aufnahme in die Reichskulturkammer wird er faktisch mit einem Berufsverbot belegt, das ihm, von kleineren Bauaufgaben abgesehen, die freiberufliche Tätigkeit im "Dritten Reich" unmöglich macht. Zeitweise arbeitet er daher für den Architekten Erich Schmarje und bemüht sich, als Werbegraphiker beruflich Fuß zu fassen.

 

Durch die Stigmatisierung als "Kulturbolschewist" seiner Berufsperspektiven beraubt, emigriert Karl Schneider im Januar 1938 in die USA und folgt mit diesem Schritt seiner schon ein halbes Jahr zuvor ausgewanderten jüdischen Freundin Ursula Wolff. Auf Vermittlung seines ehemaligen Mitarbeiters Gerd Raben wird Schneider bei der Kaufhauskette Sears, Roebuck & Co. angestellt, wo er zunächst als Industriedesigner tätig ist. Neben dem Entwurf diverser Haushaltsgeräte ist er dort an der Entwicklung moderner Einbauküchen beteiligt und kann dabei seine Erfahrungen im Kleinwohnungsbau erfolgreich einbringen. Als die Sears-Entwicklungsabteilung 1942 ihre Arbeit kriegsbedingt einstellt, wechselt Schneider in die Kaufhausplanungsabteilung und arbeitet an Systemstudien eines "Standard Sears Store" für das Sears-Nachkriegsprogramm. Abgesehen von einem unter anderem Namen für den Sears-Ingenieur Morgan ausgeführten Wohnhaus bleibt Karl Schneider die Arbeit als freier Architekt jedoch verwehrt. Erst im Januar 1945 erhält er die nötige Zulassung. Gesundheitlich bereits geschwächt, findet er im Frühsommer 1945 eine Anstellung im Architekturbüro Loebl & Schlossman. Doch schon im Herbst desselben Jahres muß Karl Schneider wegen eines Herzleidens dort wieder ausscheiden und verstirbt wenige Wochen später.

 

Als früher Protagonist des Neuen Bauens in Deutschland gehört Karl Schneider neben Erich Mendelsohn, Ernst May oder Bruno Taut zu den maßgeblichen Wegbereitern der Moderne in der Weimarer Republik. Wie jene ein Opfer nationalsozialistischer Polemik, fehlte ihm die Kraft, im Exil an seine beruflichen Erfolge anzuknüpfen. Mit dem Streben nach einer gesamtheitlichen, vom Städtebau bis zur Wohnungseinrichtung reichenden Architektur weist gerade sein Werk mit der Freiheit der baukünstlerischen Gestaltung anstelle funktionalistischer oder konstruktivistischer Verkürzungen eine differenzierte Modernität auf, die im Nationalsozialismus ins Abseits gedrängt worden ist.

 

 

Der Text wurde mit freundlicher Genehmigung von Dr.-Ing. Jan Lubitz übernommen aus

www.architekten-portrait.de | Kurzportraits deutscher Architekten des 20. Jahrhunderts

Karl Schneider Gesellschaft e.V.  |  Postfach 30 36 30  |  20312 Hamburg  |  www.karl-schneider-gesellschaft.de

Vertreten durch den Vorsitzenden Dr. Jörg Schilling | Vereinsregister Amtsgericht Hamburg VR 22788

 

Anerkannt als steuerbegünstigte Körperschaft zur Förderung gemeinnütziger Zwecke in Kunst und Kultur nach § 52 Abs. 2 Satz 1 Nr. 5 der Abgabenordnung durch Finanzamt Hamburg-Nord am 19.05.2016